Wieso ist die Variante mit Milch bekannter als die Schmelzschokolade? Wenn sich zwei streiten, so freut sich eine Dritte – wäre eine mögliche Antwort. 1875 wird häufig als Geburtsjahr derjenigen mit Milch genannt. Es wird sich aber gleich herausstellen, dass es sich damals noch nicht um eine vollende Version handeln konnte. Die Erfindung geht auf D. Peter zurück, der in Vevey eine Manufaktur betrieb. Um die Struktur zu homogenisieren, wird auch die Masse für Milchschokolade in einer
Conchiermaschine bearbeitet. Dies geht aus dem folgenden Studienblatt hervor:
«Beim Conchieren werden verschiedene Stufen durchlaufen. Es beginnt mit dem Einfüllen der pulvrigen Mischung, die auf dem Walzwerk fein vermahlen wurde. Sie enthält Kakaomasse, Zucker und evtl. Milchpulver (Conchieren – eine Herausforderung für die Forschung, IVLV, Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung e.V.).»
Aus technischer Sicht ist es also auch eine Schmelz-Schoggi. Das Verfahren zur Homogenisierung der Struktur wurde jedoch erst 1879 entwickelt. Somit konnte es 1875 höchstens eine ursprüngliche Form mit Milch gewesen sein. Für die Schmelzeigenschaft der Milchschokolade war man auf das Verfahren von R. Lindt angewiesen. In dieser Hinsicht stellt sich die Huhn-oder-Ei-Frage also nicht:
Die Schmelzschokolade gilt als Grundform, während die Variante mit Milch daraus entstanden ist. Diese technische Logik setzt voraus, dass der Durchbruch bei der Milchschokolade somit auch einem angeblichen Zufallstreffer aus Bern zu verdanken wäre. Daraus lässt sich schliessen, dass die Legende nicht nur die Berner, sondern eben auch die Errungenschaft aus Vevey abwertet.
Doch wie konnte die Tochter aus dem Schatten der Mutter treten? Eine mögliche Antwort liegt im Konflikt zwischen R. Lindt und der Unternehmenszentrale am Zürichsee. Die Gehässigkeiten könnten die späteren Abwertungen in den Biografien befeuert haben. Die Vereinfachung des Berner Verfahrens wurde hierfür sogar in Kauf genommen. In der Folge verlor diese Errungenschaft an Bedeutung. Davon blieb die Milchschmelzschokolade jedoch verschont.
Bei Erfindungen nennt man in der Regel das Jahr ihrer Vollendung. Im konkreten Fall kommuniziert man hingegen jenes der Ur-Milchschokolade, also der unvollendeten Version. Dadurch wirkt die Tochter älter als die Mutter. Somit kann die technische Abhängigkeit vom Berner Verfahren nicht mehr nachvollzogen werden. Auf diese Weise wird die Variante mit Milch vom Zufallstreffer entkoppelt. Dies würde zumindest erklären, warum für die Erfindung von D. Peter immer wieder das Jahr 1875 statt 1887 genannt wird.
Ohne die technisch-logische Chronologie der Erfindungen in Bern und Vevey ist die Milchschokolade von den Abwertungen nicht betroffen. So konnte sie sich viel unbeschwerter entfalten. In diesem Fall würde das Sprichwort
«Wenn sich zwei streiten, freut sich eine Dritte» tatsächlich zutreffen. Das L-Paradox hätte der Tochter somit geholfen, aus dem Schatten der Mutter zu treten. Fest steht jedoch, dass die Milchschmelzschokolade heute bekannter ist als die Chocolat Fondant. Der höhere Bekanntheitsgrad der Tochter könnte sogar als Paradox der Schweizer Schoggi bezeichnet werden.
Für die Schweiz waren sowohl das Schmelzverfahren als auch das rund acht Jahre später erfundene Milchschmelzverfahren von grosser Bedeutung. Daher sollten die beiden Entdeckungen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es fällt jedoch auf, dass beide Entwicklungsprojekte zeitlich fast parallel verliefen. Wie bereits bei der Zufallskategorie erwähnt, bestand zwischen den Familien Lindt in Bern und Kohler in Lausanne eine Verwandtschaft. Aus diesem Grund machte R. Lindt seine Ausbildung in der Lausanner Mühle seines Onkels C. Kohler. Ferner ist dem Berufungsschreiben der Berner Seite zu entnehmen, dass ab 1880 ein Wissenstransfer zwischen Bern und Lausanne existierte (Berufung 1927, Beklagte, S. 15)
. Ebenso ist belegt, dass später die Manufaktur Kohler mit derjenigen von D. Peter fusioniert wurde. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass C. Kohler und seine Söhne als wichtiges Bindeglied zwischen R. Lindt und D. Peter fungierten. In diesem Fall hätte ein zartschmelzendes Dreieck zwischen Lausanne, Bern und Vevey bestanden – und zwar noch vor der Dreiecksidee aus der Berner Länggasse.
Die wichtige Rolle der Milchschokolade bei der breiten Durchsetzung von Schokolade ist unbestritten. Durch das Streckverfahren wurde weniger Kakao benötigt. Das Produkt wurde dadurch billiger. Dank der Milch konnten zudem Konsumenten angesprochen werden, welche ein milderes Aroma bevorzugen – vor allem Mütter und Kinder. Die Zielgruppe erweiterte sich also insgesamt.
Ein wichtiger Punkt war aber auch die Landesversorgung. Eine starke Inlandversorgung bedeutet weniger Abhängigkeit vom Ausland. Für die Versorgungssicherheit eines Binnenlandes ist die Inlandproduktion daher von zentraler Bedeutung. Die Schweizer Landwirtschaft erhielt durch die Zugabe von Milch einen neuen Absatzkanal. Das stärkte den inländischen Wirtschaftskreislauf. Somit wurde die Schweiz unabhängiger von Kakaoimporten. Für die Kommunikation der Sorte mit Milch wurden zudem Alpensujets verwendet. Dadurch wurde im Ausland ein Erscheinungsbild aufgebaut, welches das Alpenland noch heute prägt.
Die Milchschmelzschoggi war für die Volkswirtschaft der Schweiz enorm wichtig - das steht ausser Frage. Ob die Ur-Milchschokolade von anno 1875 ohne Schmelz und somit ohne homogene Struktur auch auf einer solchen Erfolgswelle geritten wäre, ist hingegen fraglich.
Fest steht aber, dass die Schweiz mit R. Lindt und D. Peter zwei kongeniale Pioniere hatte. Ihrem Erfindergeist ist es zu verdanken, dass sich das kleine Alpenland nach wie vor als Schoggi-Republik behaupten kann.